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Arbeitsfelder: Technisch-kreative Gestaltung
Interview mit Jens Ufer - EB-Kameramann
Jens Ufer

EB-Kameramann

AIM: Wie sind Sie zum Beruf des Kameramannes gekommen?

Jens Ufer: Ich habe an der Fachhochschule in Köln Photoingenieurwesen studiert. Am Anfang dachte ich gar nicht daran Kameramann zu werden, sondern irgendetwas mit Fotografie zu machen. Während des Studiums stellte ich fest, daß mich die Kamera am meisten interessiert. Das ging dann los mit Filmen, die ich während des Studiums gedreht habe und mit Assistenzen bei verschiedenen Kameramännern. Ja, und nach dem Studium habe ich als Studio- und EB-Kameramann angefangen, zuerst vier Jahre für ein Regionalmagazin: RTL West-Live - damals: Tele West. Heute arbeite ich in Köln für eine Nachrichtenagentur mit neun Studios in Deutschland, die u.a. Nachrichten- und Magazinbeiträge drehen, meistens mit Außenkameras.

? Wo fängt die Arbeit des EB-Kameramannes an?

! Daß die Ideen für einen Beitrag direkt von mir entwickelt werden, ist eher selten. Obwohl es immer gerne gesehen wird, wenn Anregungen von allen Seiten kommen. Die werden dann auch gerne angenommen, wenn sie sich verkaufen lassen - im privaten Fernsehbereich ist eine Nachricht Geld. In aller Regel aber kommen die Ideen für Beiträge von den Journalisten. Nur bei der Umsetzung darf der Kameramann dann mitreden.

? Mit wem arbeiten Sie vor Ort zusammen?

! Ich arbeite im sogenannten Drei-Mann-Team: Redakteur, Kameramann und Kameraassistent. Mittlerweile geht die Tendenz zum Zwei-Mann-Team, bei dem der Kameraassistent nicht dabei ist. Was ich für kritisch halte, denn der Assistent ist nicht nur ein Stativ- und Lampenträger, sondern hauptsächlich verantwortlich für den Ton. Das ist einerseits ein eigenständiger Job und andererseits eine Möglichkeit des Einstiegs in den Beruf, weil man dabei etwas über das Licht lernt und andere Dinge, die für unseren Beruf wichtig sind.

? Wird es den Kameraassistenten in der Zukunft überhaupt noch geben?

! Nach meiner Erfahrung gibt es in den meisten Fällen immer noch das sogenannte Drei-Mann-Team, zu dem der Assistent in jedem Falle gehört. Ich bin jetzt seit acht Jahren Kameramann und fast jeden Tag unterwegs: Zwei-Mann-Teams ohne Assistenten sieht man selten. Es gibt zwar schon das "Ein-Mann-Team", bei dem alle Bereiche von einer Person auf einmal abgedeckt werden, das ist aber - Gott sei Dank - die Ausnahme.

? Warum Gott sei Dank?

! Wenn ich gezwungen wäre, den Beruf so auszuüben, dann würde ich nicht weiter arbeiten. Ich denke, daß die Arbeit darunter leidet und daß dadurch auch das Produkt schlecht wird. Für mich gäbe es dann nur noch die Möglichkeit, mich als Zwei- oder Drei-Mann-Team anzubieten. Ich bin der festen Überzeugung, daß diese Teams immer bestehen bleiben werden. Das hat verschiedene Gründe. Einmal einen ganz banalen: die Ausrüstung ist von einer Person einfach nicht zu tragen - dazu gehört das Stativ, die Kamera, das Licht, das ist sogar mit zwei Leuten oft schon schwierig. Auch wenn die Ausrüstung und die Kameras immer kleiner werden, die Stative und das Licht nicht mehr so umfangreich sein müssen, selbst dann wird das nie von einer Person alleine zu tragen sein. Der zweite Grund ist die Tonqualität: wenn der Ton ordentlich gemacht und auch im Schnitt kreativ mit ihm umgegangen werden soll, dann muß eine Person extra dafür da sein.

? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

! Ich arbeite für alle möglichen Sendungen rund um die Uhr abwechselnd, mache kurze Nachrichtenbeiträge, Unfall-, Mordgeschichten, aber auch Sieben-Minuten-Magazinbeiträge, wobei ich natürlich die längeren Sachen lieber mache, wie die meisten.

? Sind Sie festangestellt?

! Ja. Aber ich arbeite mehr oder weniger wie ein freier Kameramann. Ich werde frei disponiert, und auch die Arbeitszeiten sind denen der freien Kameraleute sehr ähnlich. Das ist ein ganz wichtiger Punkt für diejenigen, die in den Beruf einsteigen wollen, zu wissen, daß die Arbeitszeiten für Kameramänner flexibel sind. Anders wäre das auch gar nicht machbar.

? Hat Ihre Arbeit auch einen journalistischen Aspekt?

! Mit Sicherheit. Ich mache allerdings keine Recherche. Ich bin natürlich vor Ort auch journalistisch tätig, weil das Thema ja auch umgesetzt werden muß. Außerdem schneide ich auch noch viele Berichte, die ich drehe. Das ist eine Tendenz, die schon seit längerem existiert, daß man von Kameraleuten fordert, daß sie in jedem Fall wissen müssen, wie Schnitt funktioniert, wie die Bilder montiert werden. Ohne dieses Wissen ist es ganz schwierig, überhaupt einen Job zu kriegen. Noch besser ist es natürlich, wenn man tatsächlich selber schneiden kann. Das ist eine extreme Doppelbelastung, weil man manchmal am gleichen Tag dreht und schneidet, wenn der Beitrag ganz aktuell gesendet werden soll. In meinen Augen sollte man die beiden Bereiche bei hochwertigen Produktionen aber in jedem Fall trennen.

? Ein Blick in den „Camera-Guide", das Jahrbuch des Bundesverbandes Kamera, vermittelt den Eindruck, daß der Kameramann im allgemeinen eher dem Film zugeordnet wird...

! Das stimmt so nicht. Den Beruf des Kameramannes im Allgemeinen gibt es nicht. Man muß unterscheiden zwischen mehreren Arten von Kameraarbeit, die ganz eigenständige Berufsfelder sind. Da gibt es die einen, die für's Fernsehen arbeiten. Die drehen z.B. Magazin- und Nachrichtenbeiträge, meistens mit Videoformaten. Die anderen arbeiten für szenische Produktionen, mit Filmformaten. Die Arbeitsweisen sind unterschiedlich und auch die Ausbildung.

? Ist der Wechsel von einem Format ins andere einfach?

! Nein. Ein Beispiel: Der Fernsehkameramann, der sich überlegt auch mal einen Spielfilm zu drehen, muß wieder ganz unten anfangen: als Kameraassistent. Er muß zunächst wieder ein paar Jahre mitlaufen, Erfahrungen sammeln und kann erst dann als Kameramann im Filmbereich anfangen. Andersherum ist es aber genauso. Ein Filmkameramann wird auch nicht ohne weiteres beim Fernsehen arbeiten können. Das ist eine andere Arbeitsweise. Schon die Geräte sind unterschiedlich...

? Was halten Sie von der Unterscheidung: Der Filmkameramann ist der Kreative, der EB- oder Video-Kameramann der Techniker?

! Man sagt eigentlich eher: Der Kameramann beim Fernsehen ist der Schnelle, der beim Film der Intensive. Richtig ist, daß der Filmkameramann - wenn wir von einer szenischen Produktion ausgehen - anders in Schnitten und Auflösungen denkt und viel mehr mit Licht zu tun hat als der TV-Kameramann. Wobei ich beim Fernsehen nicht vom Fernsehspiel spreche, sondern von Magazinbeiträgen oder Dokumentationen, bei denen nicht inszeniert wird. Der Kameramann ist bei solchen Produktionen selber Regisseur, nachdem er zusammen mit dem Redakteur abgestimmt hat, wie die Idee aufgelöst werden soll.
Beim Spielfilm ist der Kameramann hauptverantwortlich für das Licht. Der Beleuchter ist für die Geräte zuständig, für das Aufstellen der Lampen und der Kameramann bestimmt die Ausleuchtung. Das ist der Hauptteil seiner Arbeit. Oder einfacher: der Regisseur gibt die Kameraeinstellungen vor, der Kameramann das Licht...

? Daher auch die Bezeichnung Lichtsetzender Kameramann?

! Ja. Aber den Lichtsetzenden Kameramann gibt es beim Fernsehen auch. Da ist er aber ausschließlich für die Studioarbeit zuständig. D. h. in jeder Gameshow oder ähnlichem gibt es einen Lichtsetzenden Kameramann, der nicht mehr hinter der Kamera steht, sondern eine Art Oberbeleuchter ist, der über dem Beleuchter steht und ihm sagt, wie er auszuleuchten hat.

? Wie ist das mit Ihnen, liebäugeln Sie auch manchmal mit dem Film?

! Ich schiele schon ab und zu zum Film, wie viele andere auch, aber eigentlich eher hobbymäßig. Ich habe schon 16mm-Filme gedreht. Da sind ganz schöne Sachen entstanden, die unheimlich Spaß gemacht haben. Wenn ich zum Film wechseln wollte, dann müßte ich meine derzeitige Tätigkeit aufgeben.

? Man muß sich also für das eine oder andere Format entscheiden.

! Ja. Es gibt noch eine andere Möglichkeit: Einige freie Kameraleute verdienen ihr Geld im Fernsehbereich und drehen in den Zeiten, in denen sie keinen Auftrag haben, auch Filme. Das ist eine kreative Herausforderung, und deshalb machen sie solche Projekte dann auch erstmal umsonst. Da ist Idealismus gefragt, und vielleicht schafft der eine oder andere den schleichenden Übergang vom Fernsehen zum Film.

? Noch einmal die Frage: Der Filmkameramann arbeitet kreativ, der TV- und Videokameramann ist reiner Techniker?

! Provokant formuliert. Das ist genau die Aussage, mit der wir ständig zu kämpfen haben. Es ist nicht so, daß man beim Fernsehen nicht die Möglichkeit hätte, kreativ zu arbeiten, das geschieht aber auf eine ganz andere Weise als beim Film. Man muß kreativ im Schnitt denken. Will sagen: Man sollte als Kameramann sehr viel vom Schnitt verstehen, vom Schnittrhythmus, zum Beispiel wie Magazinbeiträge geschnitten werden. Man muß sich überlegen, wie der Beitrag im Endprodukt aussehen soll, wie man dreht, ob die Kameraführung statisch sein soll, das Licht dramatisch oder ob man ganz ohne künstliches Licht arbeitet. Es gibt schon viele Möglichkeiten kreativ zu sein...

 
? Was halten Sie von der Idee, Redakteure so auszubilden, daß sie ihre Beiträge selbst drehen und schneiden können? Sieht die Zukunft der Kameraleute düster aus?

! Darin sehe ich keine Gefahr für unseren Berufsstand. Der Beruf des Kameramannes - egal ob das jetzt Film, Fernsehen oder Video ist - ist sehr vielfältig. Er erfordert eine Anzahl von Qualifikationen: menschliche, technische und künstlerische. All das kann von einem Journalisten nicht auch noch in seine Arbeit integriert werden.
Auch wenn es so ein Multitalent geben sollte: rein organisatorisch halte ich das für unmöglich, unter diesen Voraussetzungen noch professionell zu arbeiten. Die Entwicklung in der Technik ist zwar so weit fortgeschritten, daß es mittlerweile Amateurformate gibt, die sehr gut sind. Und damit gibt es sicherlich gerade im Nachrichtenbereich die Möglichkeit, einen Redakteur rauszuschicken, der vernünftige Bilder abliefert. Aber der hochwertige Fernsehkameramann kann nie durch einen Redakteur ersetzt werden. Dazu bräuchte er zwei Gehirne und vier Arme ...

? Denken Sie, daß die Rundfunkanstalten auch im Zuge allgemeiner Sparmaßnahmen weiterhin auf Qualität setzen?

! Das glaube ich ganz sicher. Es wird allerdings auch vermehrt Redakteure geben, die mit der Kamera rausgehen und Kurzberichte oder Nachrichtenbeiträge selbst drehen. Zum Beispiel Unfallaufnahmen oder Beiträge, die nachts vor Ort ganz schnell abgedreht sein müssen. Dabei muß nicht unbedingt ein Kameramann mit jahrelanger Berufserfahrung am Start sein. Da kommt es nur darauf an, daß die Kamera schnell läuft.
Daher kommt wahrscheinlich auch das Vorurteil, Nachrichten- und Videokameraleute seien Kameraleute zweiter Klasse, die nur zu wissen brauchen, wo man die Kamera anmacht. Es gibt solche Leute, das sind aber vielleicht zwei bis drei Prozent. Ich glaube, man wird sich in Zukunft stärker bilden müssen, um sich von dieser Art Kameraleuten abzusetzen und um seinen Marktwert zu erhöhen. Aber die Leute, die mehr Ahnung haben, sei es, daß sie mehr vom Licht verstehen oder von der Technik und dadurch kreativer arbeiten können, die können höhere Gagen verlangen und die werden auch immer bezahlt werden.

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