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Arbeitsfelder: Technisch-kreative Gestaltung
Interview Holger Harms - Mediengestalter Bild und Ton
AIM: Du gehörst zu den ersten 17 Mediengestaltern Bild und Ton, die 1997 ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Wie bist du dazu gekommen?

Holger Harms: Nach dem Abitur bin ich zur Bundeswehr gegangen. Dort hatte ich die Möglichkeit in der Medienzentrale in Sankt Augustin zu arbeiten. Da gibt es ein Fernsehzentrum, das mit modernster Technik ausgerüstet ist. Nach der Grundausbildung habe ich dort in der MAZ gearbeitet. Das war für mich das non plus ultra, weil ich sowieso zum Fernsehen wollte. Der perfekte Einstieg sozusagen. Von da aus bin ich dann bei einer Postproduktionsfirma in Köln gelandet. Angefangen hat alles mit einem dreimonatigen Praktikum. Ich habe mich gleichzeitig an der Kunsthochschule für Medien beworben, aber aufgrund meiner noch nicht so großen Erfahrung hatte ich überhaupt keine Chance. Und als sich abzeichnete, daß ich dort nicht genommen werde, hat der Geschäftsführer das Praktikum auf 1 Jahr verlängert. Dann habe ich von dem Ausbildungsgang „Mediengestalter" gehört. Einer meiner Kollegen, der jetzt mit mir auch die Abschlußprüfung gemacht hat, sollte die Ausbildung im Betrieb beginnen. Für mich stand optional offen, daß auch ich in den nächsten Jahren mit der Ausbildung anfange, bis dahin aber Praktikant bleibe. Und irgendwie überschlugen sich dann die Ereignisse, und mein Cehf sagte: Ach komm, was soll es, dann nehmen wir dieses Jahr eben zwei Auszubildende. Eine Woche bevor die Schule begann, wurde ich dann noch zum Auszubildenden befördert.

? Das war vor drei Jahren. Hat dir diese Zeit im Rückblick viel gebracht?

! Auf jeden Fall. Ich habe eine Menge gelernt, auch wenn der Anfang etwas chaotisch war.

? Warum?

! Als wir vor drei Jahren angefangen haben, hieß der Ausbildungsgang noch anders, nämlich Film- und Videolaborant mit der Zusatzqualifikation AV-Produktion. Diese Ausbildung war sehr technisch orientiert. Also haben wir anfangs wirklich tiefste Elektrotechnik gelernt. Während unseres ersten Jahres hat sich der Lehrplan immer wieder geändert, da dieser Ausbildungsgang bundesweit eingeführt wurde, und man wollte natürlich auch bundesweit ein relativ einheitliches Berufsbild haben. In diesem Prozeß entstand dann auch irgendwann der Name „Mediengestalter Bild und Ton". Wir wurden sozusagen umgeschrieben, das war ein richtig offizieller Akt, denn sonst wären wir jetzt die einzigen 17 Film- und Videolaboranten mit Zusatzqualifikation in Deutschland. Und damit könnte natürlich keiner was anfangen.

? Haben sich mit dem neuen Namen auch die Lerninhalte geändert?

! Ja. Nachdem diese neue Ausbildung dann auch wirklich bundesweit initiiert war, sah der Ausbildungsplan schon ganz anders aus: Es ging mehr um Gestaltung. Technik wurde auf die Grundkenntnisse reduziert. Wir haben im ersten Jahr viele Dinge gelernt, die unsere Nachfolger jetzt nicht mehr machen müssen. Wir haben anfangs sehr viel Zeit verschenkt. Außerdem hatten wir am Anfang überhaupt nichts, was irgendwie mit Fernsehen zu tun hatte: keine Kamera, kein Avid.... Mittlerweile gibt es drei Avids und mehrere Kameras. Anfangs saßen wir sozusagen nur rum, 13 Wochen lang, und haben reinste Theorie gemacht; das meiste davon war Technik.

? Der Mediengestalter wird dual ausgebildet - Schule und Praxis werden miteinander verbunden. Wie sieht das konkret aus?

! Als sich Ausbilder und Initiatoren dieser Ausbildung anfangs zusammengesetzt haben, war schon klar, daß dieses System wie z.B. bei den Kaufleuten - zwei Tage die Woche Berufsschule - nicht funktioniert. Wenn man als Auszubildender in eine Produktion eingeplant ist, das ist bei freien Produktionsfirmen üblich, dann muß man auch die gesamte Produktionszeit dasein. Man übernimmt eine Aufgabe, und es geht einfach nicht, daß am nächsten Tag plötzlich ein anderer dafür da ist, weil man in der Berufsschule sitzt. Im ersten Jahr war das so, daß wir einmal sechs Wochen und einmal sieben Wochen in der Schule waren. Auch dieses Konzept hat sich nicht bewährt, weil man einfach zu lange aus der Firma raus ist. Das wurde dann auch im zweiten Jahr umgestellt: drei Mal drei und ein Mal vier Wochen. Diese Blöcke sind über das ganze Jahr verteilt. Das Konzept funktioniert ganz gut.

? Kann man das in der Schule gelernte tatsächlich im Job gebrauchen?

! Das war in beiden Richtungen unterstützend, man lernt sowohl in der Schule als auch im Betrieb etwas dazu. Wenn man in der Schule plötzlich über ein Thema sprach, das einem schon mal im Betrieb begegnet war, konnte man natürlich wesentlich besser mitreden und hatte direkt den praktischen Bezug. Und man konnte seine Erfahrungen mit den anderen austauschen: Da gab es Leute, die ihre eigenen Erfahrungen eingebracht haben, Erfahrungen, die die anderen nicht hatten, weil sie in einem ganz anderen Bereich arbeiteten. Genauso funktioniert das umgekehrt: wenn wir in der Schule technisch etwas gelernt haben, wie z.B.: wie errechne ich mir, wie viele Scheinwerfer ich an eine Steckdose anschließen kann, dann war beim nächsten Dreh völlig klar, daß man nicht mehr ausprobieren mußte, wie viele Scheinwerfer an eine Steckdose passen, bis die Sicherung rausfliegt.....

? Nun ist der Mediengestalter Bild und Ton ja ziemlich generalistisch angelegt, d.h. letztendlich ist es eine Ausbildung, die sehr umfassend sein kann und sollte, die aber keinen bestimmten Beruf anstrebt. Da ist Eigeninitiative gefragt. Wie schnell muß man sich für eine Richtung entscheiden?

! Also man entscheidet sich relativ früh. Wenn man in einem Betrieb arbeitet, der mehrere Bereiche abdeckt, in denen man arbeiten kann, orientiert man sich im ersten Jahr erst einmal. Im zweiten Jahr fängt dann aber die Spezialisierung an, denn spätestens dann weiß man, was einen am meisten interessiert.

? Was ist der Vorteil dieses generalistischen Ansatzes gegenüber einer speziellen Ausbildung im Bereich Schnitt, Kamera, Ton oder Licht?

! Der grundsätzliche Vorteil ist, daß man von Anfang an erfährt, was in den anderen Bereichen gemacht wird. Wenn ich nur Kameramann lerne, dann bin ich sehr spezialisiert auf den Bereich Kamera, weiß aber nicht, was in der Nachbearbeitung passiert. Genauso umgekehrt: Cutter wissen meist überhaupt nicht, was bei den Dreharbeiten los ist. Und so entstehen dann Probleme: Cutter regen sich oft über irgendwelche Wackelbilder auf und wundern sich, daß die technischen Bedingungen einfach nicht optimal sind. Sie können sich gar nicht vorstellen, warum zum Beispiel ein Bild nicht ruhig steht. Aber dafür gibt es immer Gründe. Das liegt nicht unbedingt an der Unfähigkeit des Kameramannes, sondern oft daran, daß die Bedingungen so waren, daß man einfach nicht besser produzieren konnte. Das Gleiche gilt für Kameraleute. Die denken bei den Dreharbeiten: das kann man in der Nachbearbeitung noch machen. Und das stimmt so nicht. In der Praxis gibt es dann Situationen, wo man in der Nachbearbeitung eigentlich nichts mehr machen kann oder die Bedingungen oder die Art, wie man es machen könnte so aufwendig sind, daß das in keinem Verhältnis zu den Kosten steht, die zum Beispiel dadurch entstehen würden, daß man einen halben Tag länger den Avid buchen muß.

? Wo liegen die Themenschwerpunkte der Ausbildung?

! Im technischen Bereich ist es so, daß alle Bereiche angerissen werden. Das geht von Computer- über Laser- bis hin zur Satellitentechnik. Ins Detail kann man aber schon aus zeitlichen Gründen nicht gehen. Im Bereich der Gestaltung wurde eher chronologische vorgegangen: man lernt Filmanalyse und damit verbunden natürlich Licht- und Kameradramaturgie, Einstellungskonjunktionen und solche Dinge. Und jetzt nach der Ausbildung kann ich schon sagen, daß ich einen Film bewußter gucke, daß ich bestimmte Stimmungen besser deuten und auch genauer beurteilen kann, wieso zum Beispiel ein bestimmtes Licht eingesetzt wurde...

? Wie ist die Akzeptanz in der Branche?

! Drei Wochen nach der Lossprechung kann man das wirklich noch nicht sagen. Die meisten, die mit mir zusammen ausgebildet wurden, haben jetzt eine Festanstellung. Ich glaube, eine Akzeptanz kann man wirklich erst dann erkennen, wenn sich die meisten Mediengestalter auf dem freien Markt anbieten. Und das ist im Moment nicht der Fall, die meisten sind bei ihren Firmen geblieben. Auf jeden Fall ist es schon mal positiv, daß alle 17 jetzt einen Arbeitsplatz haben und nicht zum Arbeitsamt rennen müssen.

? Was würdest du jemandem raten, der diese Ausbildung mach will?

! Als allererstes sollte man ein Praktikum machen, um zu sehen, ob die Branche grundsätzlich die richtige ist. Und dann sollte man auch versuchen, einigermaßen abzuchecken, in welchem Bereich man arbeiten möchte. Denn das Problem ist, daß man ja auch eine Firma braucht, die einem diesen Ausbildungsplatz zur Verfügung stellt, und die sind verdammt rar gesät. Und es ist einfach schade. Wenn ich dann einfach drauflosgehe und mit Glück vielleicht sogar einen Ausbildungsplatz bekomme in einer Firma, die mir aber dann letztlich nicht das bieten kann, was ich eigentlich machen möchte. Aus diesem Grund ist eine Orientierungsphase in Form eines Praktikums schon sehr wichtig.

? Man muß sich also seiner Sache vorher schon sehr sicher sein...

! Das sollte so sein, denn sonst erlebt man drei Jahre lang eine Enttäuschung, und das ist dann doch eine zu lange Zeit, um in einem Betrieb zu arbeiten, in dem die Arbeit überhaupt keinen Spaß macht.

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