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Sie sind ja nicht ganz unvorbereitet nach Mexiko
gegangen. Welche Erfahrungen brachten Sie für diese
Stelle mit? Puhlmann:
Ich hatte vorher einige Jahre ein Lateinamerika- und
ein Auslandsmagazin fürs dritte Programm geleitet.
Dadurch konnte ich mir natürlich ein großes Wissen
über diesen Kontinent erarbeiten und war ständig auf
dem Laufenden. Außerdem habe ich auch selbst viele
Länder bereist, um Features und kürzere Beiträge zu
machen.
? Was hat Sie gereizt?
! Mich fasziniert die Kultur, die
Andersartigkeit der Menschen, ihre Leichtigkeit,
Offenheit, die ungeheure Flexibilität und auch ihre
Fähigkeit, Dinge einfach zu akzeptieren. Als Journalist
ist es für mich reizvoll, Sprachrohr für diejenigen zu
sein, die keine Lobby haben - und die dritte Welt braucht
eine Lobby.
? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
! Jeden Tag anders. Wir betreuen mehr als 20
Länder, darunter Mexiko, Zentralamerika, die Karibik und
das nördliche Südamerika. Eigentlich sind wir eher ein
Reisebüro, weil wir immer unterwegs sind - manchmal
wochen- und monatelang, von einem Land zum anderen, von
einem Thema zum nächsten. Das bedeutet, daß wir außer
unserem persönlichen Gepäck immer auch Kamera, Stativ,
Schneidemaschinen etc. dabei haben müssen. Besonders bei
der aktuellen Berichterstattung brauchen wir die
komplette Ausrüstung, um vor Ort direkt über Satellit
nach Deutschland überspielen zu können.
? Und vor Ort?
! Wir drehen Bilder - ganz selten greifen wir
auch auf Material von anderen nationalen Sendern zurück
- führen Interviews etc.. Dann fahren wir ins Hotel, in
dem wir immer ein Zimmer zum Studio umfunktionieren. Dort
wird geschnitten, getextet und synchronisiert. Das alles
geschieht unter enormen Zeitdruck. Sobald der Film fertig
ist, geht’s ab zur Satellitenabspielstation. Das
gilt aber nur für aktuelle Geschichten, weil die
Überspielung sehr kostenaufwendig ist. Wenn wir ein
Feature machen und nicht unter diesem Zeitdruck stehen,
fahren wir auch schon mal ohne Schneidemaschinen los, um
Kosten zu sparen. Nach dem Dreh kommen wir zurück ins
Büro, wo wir den Film fertigstellen. Die Kassette
schicken wir dann per Flugzeug nach Deutschland.
? Wie unterscheidet sich die Arbeit in Mexiko
von der in Deutschland?
! Der größte Unterschied ist wohl das
riesige Gebiet, das wir betreuen. Ich habe gar nicht die
Möglichkeit, alleine intensiv und gleichzeitig in den
einzelnen Ländern zu recherchieren. Deshalb brauche ich
in den wichtigsten Ländern wie Kolumbien, Haiti,
Dominikanische Republik, Kuba, Venezuela und Nicaragua
einheimische Mitarbeiter, die mich schnellstens mit
Auskünften und Informationen versorgen. Wenn ich z.B. in
Nicaragua einen Ex-Guerillero suche, der Politiker werden
will, so muß mein Informant die ganze Sache
vorrecherchieren und vorbereiten. Ich fahre erst dann zum
Drehort, wenn alles organisiert ist. Auch in puncto
Organisation liegen Welten zwischen Deutschland und
Lateinamerika. In Deutschland kann ich per Telefon
recherchieren, Termine machen und den ganzen Tag planen.
Hier vereinbare ich einen Termin um elf Uhr und - gewollt
oder ungewollt - es wird immer viel später, weil die
Leute unzuverlässig sind. Damit muß man lernen,
umzugehen. Ganz wichtig ist auch der persönliche Draht
zu den Leuten. Man muß erst ihr Interesse wecken, sie
von der Sache überzeugen und Vertrauen aufbauen, damit
sie überhaupt mitmachen. Kontakte und ein dickes
Adreßbuch sind hier viel wichtiger als in Deutschland.
In Deutschland müssen die Behörden Auskunft geben. Als
Journalist hat man die Möglichkeit, Druck auszuüben,
oder man wendet sich an die Pressestelle. Das ist hier
überhaupt nicht möglich.
? Was passiert, wenn die Leute unkooperativ
sind?
! Dann habe ich keine Chance. Sie sagen einem
zwar alles zu, aber dann passiert doch nichts. Man muß
die Leute für seine Idee begeistern, daß sie Spaß oder
Interesse an der Sache finden. Dabei ist es gleich, ob es
sich um Privatpersonen handelt, Indios in abgelegenen
Dschungelgebieten oder offizielle Stellen.
? Helfen da in schwierigen Fällen nicht
schon mal einige Pesos nach?
! Nicht, wenn es darum geht, Termine oder
Gesprächspartner zu finden oder Themen aufzutun. Geld
gebe ich hin und wieder an Personal der Fluglinien, um
Kosten für Übergepäck zu senken oder ganz einfachen
Leuten, von denen ich weiß, daß ihnen dieses oder jenes
fehlt. Für ihre Mitarbeit besorge ich ihnen dann einen
neuen Kochtopf, oder ich zahle eine Art
Aufwandsentschädigung. Da gab es beispielsweise eine
Frau in Nicaragua, die ihren Mann verloren hatte. Sie
mußte ihre beiden Kinder von der Schule nehmen, weil sie
die Ausbildung nicht mehr bezahlen konnte. Für ihre
Mitarbeit habe ich ihr die Schulgebühr für ihre beiden
Kinder bezahlt, das Unterichtsmaterial und die
Schuluniformen gekauft. Wenn man solche Schicksale im
Fernsehen zeigt, reagieren natürlich auch immer
Zuschauer, die Unterstützung anbieten.
? Solche Schicksale berühren...
! Natürlich. Aber in meinem Job ist es
wichtig, eine gewisse Distanz zu behalten, um nicht den
Überblick zu verlieren. Das Einzelschicksal muß immer
im übergeordneten Zusammenhang gesehen werden.
Natürlich darf man auch nicht abstumpfen. Aber ich habe
gelernt, mit Themen wie Leid, Not, Hunger, Folter und Tod
als Teil meiner Arbeit umzugehen und nicht als Teil
meiner Persönlichkeit. Als Privatmensch würde ich mich
auf bestimmte Themen viel mehr einlassen. Als Journalist
muß ich immer im Hinterkopf behalten, wie ich dem
deutschen Publikum das Thema verständlich rüberbringe
und auch mal neue Perspektiven aufzeige. Als
Korrespondent habe ich sozusagen eine
Übersetzerfunktion. Damit diene ich der Sache mehr als
mit meinem Mitleid.
? Gab es auch schon mal brenzlige
Situationen?
! Mehrfach. Wir sind verschiedene Mal
überfallen, angegriffen und auch beschossen worden. In
Haiti beispielsweise, wo die Bevölkerung überwiegend
schwarz ist, waren zur Zeit der Militärdiktatur alle
Weißen Teil des Systems, das die Bevölkerung
unterdrückt. Dort sind uns sowohl die einfachen Leute
als auch die dünn gesäte Oberschicht mißtrauisch
begegnet. Wir sind mehrfach angegriffen worden.
Gefährlich wird es immer dann, wenn Panik ausbricht.
Dann kann man nichts anderes machen als sich so schnell
wie möglich in Sicherheit zu bringen. Wenn man dagegen
die Möglichkeit hat, mit den Leuten zu reden, kann man
sie eher beeinflussen und beruhigen. Aber in
Paniksituation werden die Leute unkontrollierbar und sind
für Argumente nicht mehr zugänglich. Und wenn
geschossen wird, interessiert es niemanden, ob das
deutsche Fernsehen oder Puhlmann in der Nähe ist.
? Wie fühlt man sich in solchen Situationen?
! Man hat Angst. Ich kann mich an eine
Schießerei in Kolumbien erinnern, die ich in diesem
Moment gar nicht richtig realisiert habe. Das war ein
merkwürdiges Gefühl - nicht mal Angst, sondern eher
Ohnmacht, weil ich nicht wegrennen, geschweige denn mich
verstecken konnte. Solchen Momenten ist man hilflos
ausgeliefert.
? Sind die Gefahren vorher absehbar?
! Ich glaube schon, daß ich Risiken und
Gefahren ganz gut einschätzen kann. Ich habe mehrfach
entschieden, nicht zu bestimmten Punkten und Orten zu
gehen, weil es einfach zu heikel war. Immerhin trage ich
nicht nur Verantwortung für mich selbst, sondern auch
für das Team. So habe ich zum Beispiel keine Probleme,
nach Kolumbien zu gehen, auch wenn das Land einen
schlechten Ruf hat. Natürlich gibt es Ecken und
Straßen, wo man nicht hingehen sollte. Die muß man
kennen. Bei Krisenherden, wie zum Beispiel Haiti oder
Bosnien dagegen, weiß man vorher, was einen erwartet. In
solchen Fällen muß man sich frühzeitig entscheiden ob
man den Job macht oder nicht.
? Was steht bei Ihren Themen im Mittelpunkt?
! Für mich braucht jedes Thema ein Gesicht
und einen Namen, damit es vom Zuschauer aufgenommen wird.
Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Militärdiktatur
in Haiti. Ich habe etwas gegen Bilder, die bloß
Militär, Uniformen, Panzer, Waffen und Leichen zeigen,
die gerade eingesammelt werden. Der Zuschauer weiß am
Ende des Beitrags gar nicht mehr, ob es sich um Bosnien
oder Indien handelte. Wichtiger finde ich es, eine Frau
zu porträtieren, die ihren Mann verloren hat, weil er im
Gefängnis sitzt, erschossen oder erschlagen wurde, und
die jetzt irgendwie ihre Kinder und sich selbst
durchbringen muß. Es gibt aber keine Arbeit. Wie hält
sich die Frau über Wasser? Das sind Gesichter und
Geschichten, die der Zuschauer Zuhause nicht so schnell
vergißt.
? Das hört sich alles sehr belastend an,
nicht nur psychisch...
! Stimmt. Für diesen Job muß man auch
körperlich unheimlich belastbar sein. Manchmal sind wir
rund um die Uhr im Einsatz. Gerade wenn wir aktuell
arbeiten, kommen wir oft nächtelang nicht zum Schlafen.
Auf dem Bildschirm müssen wir trotzdem konzentriert und
frisch wirken.
Hinzu kommt aber noch eine andere Sache, die war mir
vorher gar nicht so klar: die ungeheuren Höhen- und
Klimaunterschiede in unserer Region. Das geht an die
Substanz. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich
innerhalb von vierzehn Tagen acht mal einen
Höhenunterschied von mehr als dreieinhalb Tausend Meter
verkraften mußte. Sogar die Mexikaner haben große
Probleme damit. Wenn wir von einer Reise zurückkommen,
fallen wir meistens für einen Tag aus, weil der Körper
einfach Ruhe braucht. Nicht zu unterschätzen sind auch
die Distanzen, die wir zurücklegen müssen. Ich glaube,
das ist den Wenigsten klar, daß wir ein Gebiet betreuen,
das größer als ganz Europa ist. Ich habe mehrfach die
Situation erlebt, daß mir die Redaktion in Deutschland
sagte „Fahr doch mal schnell dahin!" Durch die
Entfernungen und die oft erschwerte Verkehrssituation
geht hier aber nichts schnell.
? Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen,
wenn man sich für den Job interessiert?
! Schnelle Auffassungsgabe und sicheres
Urteilsvermögen. Man darf sich nicht einfangen oder
verlocken lassen durch schöne Augen, Geld oder die Macht
irgendwelcher interessanter oder wichtiger Menschen. Die
eigene Unabhängigkeit steht über allem. Man muß sich
auf die Menschen im jeweiligen Land einstellen können,
und dazu braucht man eine Persönlichkeit, die sich vom
hohen Roß herunterbegibt, auf die Menschen zugeht und
versucht, Zugang zu ihnen zu finden. Das ist meiner
Meinung nach das Wichtigste. Und man braucht die
Fähigkeit, Unmögliches möglich zu machen. Ich hatte
zum Beispiel einen Dreh in Kuba, und plötzlich bekam ich
die Nachricht, daß ich nach Lima muß, um über die
Botschaftsbesetzung zu berichten. Von einem Moment zum
anderen mußten wir abreisen. Noch in der selben Nacht
haben wir mit der Berichterstattung losgelegt. Um das
alles zu arrangieren, organisieren und hinzubekommen,
muß man ungeheuer flexibel sein.
? Wie lassen sich Beruf und Privatleben
miteinander vereinbaren?
! Schwer. Man muß sich darüber im klaren
sein, daß man meistens unterwegs ist, und das halten
viele Beziehungen nicht aus. Als ich in den fünf Jahren
meiner Arbeit dann mal fünf Wochen Urlaub hatte, habe
ich drei Wochen nur geschlafen. Hinzu kommt, daß man in
einem anderen Land, in einer anderen Kultur lebt, und das
kann für den Partner oder die Familie sehr belastend
sein. Zum Beispiel können meine Kinder nichts alleine
machen, entweder wegen der Entfernungen, oder weil es
einfach zu gefährlich ist. Sie müssen überall
hingebracht werden, und das muß organisiert werden, wenn
man nicht selber die Zeit dafür hat. Durch meinen Job
bin ich nicht zuverlässig für die Familie: Ich kann mir
zwar vornehmen, meine Kinder von der Schule abzuholen,
aber zum verabredeten Zeitpunkt bin ich dann schon mit
dem Team auf dem Weg zu Herrn Juhnke, der einen Schwarzen
angepöbelt hat. Für das Familienleben ist der Job schon
eine ungeheure Belastung. Viele Korrespondentenehen gehen
auseinander.
? Haben Sie jemals bereut, ins Ausland
gegangen zu sein?
! Nein. Der Job ist unheimlich toll - eine
Herausforderung jeden Tag aufs Neue. Die Arbeit macht mir
nach wie vor Spaß und ich könnte das noch viele Jahre
machen, aber der Preis ist sehr hoch. Trotzdem würde ich
mich immer wieder dafür entscheiden.
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