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Arbeitsfelder: Konzeption & Entwicklung
Fasziniert von der anderen Kultur

Eigentlich wollte Peter Puhlmann nach Buenos Aires. Nachdem dort aber auf lange Sicht keine Stelle vakant wurde, ging er als ARD-Korrespondent nach Mexiko-City. Seitdem sind fünf Jahre vergangen...

aim: Sie sind ja nicht ganz unvorbereitet nach Mexiko gegangen. Welche Erfahrungen brachten Sie für diese Stelle mit?

Puhlmann: Ich hatte vorher einige Jahre ein Lateinamerika- und ein Auslandsmagazin fürs dritte Programm geleitet. Dadurch konnte ich mir natürlich ein großes Wissen über diesen Kontinent erarbeiten und war ständig auf dem Laufenden. Außerdem habe ich auch selbst viele Länder bereist, um Features und kürzere Beiträge zu machen.

? Was hat Sie gereizt?

! Mich fasziniert die Kultur, die Andersartigkeit der Menschen, ihre Leichtigkeit, Offenheit, die ungeheure Flexibilität und auch ihre Fähigkeit, Dinge einfach zu akzeptieren. Als Journalist ist es für mich reizvoll, Sprachrohr für diejenigen zu sein, die keine Lobby haben - und die dritte Welt braucht eine Lobby.

? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

! Jeden Tag anders. Wir betreuen mehr als 20 Länder, darunter Mexiko, Zentralamerika, die Karibik und das nördliche Südamerika. Eigentlich sind wir eher ein Reisebüro, weil wir immer unterwegs sind - manchmal wochen- und monatelang, von einem Land zum anderen, von einem Thema zum nächsten. Das bedeutet, daß wir außer unserem persönlichen Gepäck immer auch Kamera, Stativ, Schneidemaschinen etc. dabei haben müssen. Besonders bei der aktuellen Berichterstattung brauchen wir die komplette Ausrüstung, um vor Ort direkt über Satellit nach Deutschland überspielen zu können.

? Und vor Ort?

! Wir drehen Bilder - ganz selten greifen wir auch auf Material von anderen nationalen Sendern zurück - führen Interviews etc.. Dann fahren wir ins Hotel, in dem wir immer ein Zimmer zum Studio umfunktionieren. Dort wird geschnitten, getextet und synchronisiert. Das alles geschieht unter enormen Zeitdruck. Sobald der Film fertig ist, geht’s ab zur Satellitenabspielstation. Das gilt aber nur für aktuelle Geschichten, weil die Überspielung sehr kostenaufwendig ist. Wenn wir ein Feature machen und nicht unter diesem Zeitdruck stehen, fahren wir auch schon mal ohne Schneidemaschinen los, um Kosten zu sparen. Nach dem Dreh kommen wir zurück ins Büro, wo wir den Film fertigstellen. Die Kassette schicken wir dann per Flugzeug nach Deutschland.

? Wie unterscheidet sich die Arbeit in Mexiko von der in Deutschland?

! Der größte Unterschied ist wohl das riesige Gebiet, das wir betreuen. Ich habe gar nicht die Möglichkeit, alleine intensiv und gleichzeitig in den einzelnen Ländern zu recherchieren. Deshalb brauche ich in den wichtigsten Ländern wie Kolumbien, Haiti, Dominikanische Republik, Kuba, Venezuela und Nicaragua einheimische Mitarbeiter, die mich schnellstens mit Auskünften und Informationen versorgen. Wenn ich z.B. in Nicaragua einen Ex-Guerillero suche, der Politiker werden will, so muß mein Informant die ganze Sache vorrecherchieren und vorbereiten. Ich fahre erst dann zum Drehort, wenn alles organisiert ist. Auch in puncto Organisation liegen Welten zwischen Deutschland und Lateinamerika. In Deutschland kann ich per Telefon recherchieren, Termine machen und den ganzen Tag planen. Hier vereinbare ich einen Termin um elf Uhr und - gewollt oder ungewollt - es wird immer viel später, weil die Leute unzuverlässig sind. Damit muß man lernen, umzugehen. Ganz wichtig ist auch der persönliche Draht zu den Leuten. Man muß erst ihr Interesse wecken, sie von der Sache überzeugen und Vertrauen aufbauen, damit sie überhaupt mitmachen. Kontakte und ein dickes Adreßbuch sind hier viel wichtiger als in Deutschland. In Deutschland müssen die Behörden Auskunft geben. Als Journalist hat man die Möglichkeit, Druck auszuüben, oder man wendet sich an die Pressestelle. Das ist hier überhaupt nicht möglich.

? Was passiert, wenn die Leute unkooperativ sind?

! Dann habe ich keine Chance. Sie sagen einem zwar alles zu, aber dann passiert doch nichts. Man muß die Leute für seine Idee begeistern, daß sie Spaß oder Interesse an der Sache finden. Dabei ist es gleich, ob es sich um Privatpersonen handelt, Indios in abgelegenen Dschungelgebieten oder offizielle Stellen.

? Helfen da in schwierigen Fällen nicht schon mal einige Pesos nach?

! Nicht, wenn es darum geht, Termine oder Gesprächspartner zu finden oder Themen aufzutun. Geld gebe ich hin und wieder an Personal der Fluglinien, um Kosten für Übergepäck zu senken oder ganz einfachen Leuten, von denen ich weiß, daß ihnen dieses oder jenes fehlt. Für ihre Mitarbeit besorge ich ihnen dann einen neuen Kochtopf, oder ich zahle eine Art Aufwandsentschädigung. Da gab es beispielsweise eine Frau in Nicaragua, die ihren Mann verloren hatte. Sie mußte ihre beiden Kinder von der Schule nehmen, weil sie die Ausbildung nicht mehr bezahlen konnte. Für ihre Mitarbeit habe ich ihr die Schulgebühr für ihre beiden Kinder bezahlt, das Unterichtsmaterial und die Schuluniformen gekauft. Wenn man solche Schicksale im Fernsehen zeigt, reagieren natürlich auch immer Zuschauer, die Unterstützung anbieten.

? Solche Schicksale berühren...

! Natürlich. Aber in meinem Job ist es wichtig, eine gewisse Distanz zu behalten, um nicht den Überblick zu verlieren. Das Einzelschicksal muß immer im übergeordneten Zusammenhang gesehen werden. Natürlich darf man auch nicht abstumpfen. Aber ich habe gelernt, mit Themen wie Leid, Not, Hunger, Folter und Tod als Teil meiner Arbeit umzugehen und nicht als Teil meiner Persönlichkeit. Als Privatmensch würde ich mich auf bestimmte Themen viel mehr einlassen. Als Journalist muß ich immer im Hinterkopf behalten, wie ich dem deutschen Publikum das Thema verständlich rüberbringe und auch mal neue Perspektiven aufzeige. Als Korrespondent habe ich sozusagen eine Übersetzerfunktion. Damit diene ich der Sache mehr als mit meinem Mitleid.

? Gab es auch schon mal brenzlige Situationen?

! Mehrfach. Wir sind verschiedene Mal überfallen, angegriffen und auch beschossen worden. In Haiti beispielsweise, wo die Bevölkerung überwiegend schwarz ist, waren zur Zeit der Militärdiktatur alle Weißen Teil des Systems, das die Bevölkerung unterdrückt. Dort sind uns sowohl die einfachen Leute als auch die dünn gesäte Oberschicht mißtrauisch begegnet. Wir sind mehrfach angegriffen worden. Gefährlich wird es immer dann, wenn Panik ausbricht. Dann kann man nichts anderes machen als sich so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Wenn man dagegen die Möglichkeit hat, mit den Leuten zu reden, kann man sie eher beeinflussen und beruhigen. Aber in Paniksituation werden die Leute unkontrollierbar und sind für Argumente nicht mehr zugänglich. Und wenn geschossen wird, interessiert es niemanden, ob das deutsche Fernsehen oder Puhlmann in der Nähe ist.

? Wie fühlt man sich in solchen Situationen?

! Man hat Angst. Ich kann mich an eine Schießerei in Kolumbien erinnern, die ich in diesem Moment gar nicht richtig realisiert habe. Das war ein merkwürdiges Gefühl - nicht mal Angst, sondern eher Ohnmacht, weil ich nicht wegrennen, geschweige denn mich verstecken konnte. Solchen Momenten ist man hilflos ausgeliefert.

? Sind die Gefahren vorher absehbar?

! Ich glaube schon, daß ich Risiken und Gefahren ganz gut einschätzen kann. Ich habe mehrfach entschieden, nicht zu bestimmten Punkten und Orten zu gehen, weil es einfach zu heikel war. Immerhin trage ich nicht nur Verantwortung für mich selbst, sondern auch für das Team. So habe ich zum Beispiel keine Probleme, nach Kolumbien zu gehen, auch wenn das Land einen schlechten Ruf hat. Natürlich gibt es Ecken und Straßen, wo man nicht hingehen sollte. Die muß man kennen. Bei Krisenherden, wie zum Beispiel Haiti oder Bosnien dagegen, weiß man vorher, was einen erwartet. In solchen Fällen muß man sich frühzeitig entscheiden ob man den Job macht oder nicht.

? Was steht bei Ihren Themen im Mittelpunkt?

! Für mich braucht jedes Thema ein Gesicht und einen Namen, damit es vom Zuschauer aufgenommen wird. Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Militärdiktatur in Haiti. Ich habe etwas gegen Bilder, die bloß Militär, Uniformen, Panzer, Waffen und Leichen zeigen, die gerade eingesammelt werden. Der Zuschauer weiß am Ende des Beitrags gar nicht mehr, ob es sich um Bosnien oder Indien handelte. Wichtiger finde ich es, eine Frau zu porträtieren, die ihren Mann verloren hat, weil er im Gefängnis sitzt, erschossen oder erschlagen wurde, und die jetzt irgendwie ihre Kinder und sich selbst durchbringen muß. Es gibt aber keine Arbeit. Wie hält sich die Frau über Wasser? Das sind Gesichter und Geschichten, die der Zuschauer Zuhause nicht so schnell vergißt.

? Das hört sich alles sehr belastend an, nicht nur psychisch...

! Stimmt. Für diesen Job muß man auch körperlich unheimlich belastbar sein. Manchmal sind wir rund um die Uhr im Einsatz. Gerade wenn wir aktuell arbeiten, kommen wir oft nächtelang nicht zum Schlafen. Auf dem Bildschirm müssen wir trotzdem konzentriert und frisch wirken.
Hinzu kommt aber noch eine andere Sache, die war mir vorher gar nicht so klar: die ungeheuren Höhen- und Klimaunterschiede in unserer Region. Das geht an die Substanz. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich innerhalb von vierzehn Tagen acht mal einen Höhenunterschied von mehr als dreieinhalb Tausend Meter verkraften mußte. Sogar die Mexikaner haben große Probleme damit. Wenn wir von einer Reise zurückkommen, fallen wir meistens für einen Tag aus, weil der Körper einfach Ruhe braucht. Nicht zu unterschätzen sind auch die Distanzen, die wir zurücklegen müssen. Ich glaube, das ist den Wenigsten klar, daß wir ein Gebiet betreuen, das größer als ganz Europa ist. Ich habe mehrfach die Situation erlebt, daß mir die Redaktion in Deutschland sagte „Fahr doch mal schnell dahin!" Durch die Entfernungen und die oft erschwerte Verkehrssituation geht hier aber nichts schnell.

? Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man sich für den Job interessiert?

! Schnelle Auffassungsgabe und sicheres Urteilsvermögen. Man darf sich nicht einfangen oder verlocken lassen durch schöne Augen, Geld oder die Macht irgendwelcher interessanter oder wichtiger Menschen. Die eigene Unabhängigkeit steht über allem. Man muß sich auf die Menschen im jeweiligen Land einstellen können, und dazu braucht man eine Persönlichkeit, die sich vom hohen Roß herunterbegibt, auf die Menschen zugeht und versucht, Zugang zu ihnen zu finden. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Und man braucht die Fähigkeit, Unmögliches möglich zu machen. Ich hatte zum Beispiel einen Dreh in Kuba, und plötzlich bekam ich die Nachricht, daß ich nach Lima muß, um über die Botschaftsbesetzung zu berichten. Von einem Moment zum anderen mußten wir abreisen. Noch in der selben Nacht haben wir mit der Berichterstattung losgelegt. Um das alles zu arrangieren, organisieren und hinzubekommen, muß man ungeheuer flexibel sein.

? Wie lassen sich Beruf und Privatleben miteinander vereinbaren?

! Schwer. Man muß sich darüber im klaren sein, daß man meistens unterwegs ist, und das halten viele Beziehungen nicht aus. Als ich in den fünf Jahren meiner Arbeit dann mal fünf Wochen Urlaub hatte, habe ich drei Wochen nur geschlafen. Hinzu kommt, daß man in einem anderen Land, in einer anderen Kultur lebt, und das kann für den Partner oder die Familie sehr belastend sein. Zum Beispiel können meine Kinder nichts alleine machen, entweder wegen der Entfernungen, oder weil es einfach zu gefährlich ist. Sie müssen überall hingebracht werden, und das muß organisiert werden, wenn man nicht selber die Zeit dafür hat. Durch meinen Job bin ich nicht zuverlässig für die Familie: Ich kann mir zwar vornehmen, meine Kinder von der Schule abzuholen, aber zum verabredeten Zeitpunkt bin ich dann schon mit dem Team auf dem Weg zu Herrn Juhnke, der einen Schwarzen angepöbelt hat. Für das Familienleben ist der Job schon eine ungeheure Belastung. Viele Korrespondentenehen gehen auseinander.

? Haben Sie jemals bereut, ins Ausland gegangen zu sein?

! Nein. Der Job ist unheimlich toll - eine Herausforderung jeden Tag aufs Neue. Die Arbeit macht mir nach wie vor Spaß und ich könnte das noch viele Jahre machen, aber der Preis ist sehr hoch. Trotzdem würde ich mich immer wieder dafür entscheiden.


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