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Ausstattung: Szenenbild
CityExpress
Technik und mehr: Veröffentlichung des WDR zur neuen Soap CityExpress

Neben den emotionalen und zwischenmenschlichen Geschichten um das Zugteam des CityExpress werden in jeder Episode wechselnde Geschichten erzählt. Das besondere an dieser Serie ist der Spielort "fahrender Zug". Da dies nur mit erheblichen Aufwand in einem realen Zug gedreht werden könnte, wurde nach Alternativen gesucht. Alfred Maas(Technische Leitung) war schon in den Experimentalstudios dabei, als die Paramount die ersten Folgen der Serie Star Treck elektonisch produzierte.
Mit diesen Erfahrungen entwickelte er die Ideen für die revolutionäre Technik bei CityExpress. Als Kulisse dienen fünf Wagons, die in einem 1500 qm großen Studio detailgetreu im Maßstab 1:1 aufgebaut wurden. Umgeben sind die Waggons von sogenannten Green Screens, die als Projektionsfläche für die virtuelle Umgebung dienen.
Mit digitalen Kameras aufgenommen werden die vorbei fliegenden Städte und Landschaften im Studio virtuell "zusammengesetzt". Diese innovative Technik ermöglicht es dem Team, die Illusion eines fahrenden Zugs zu erzeugen Mit der volldigitalen High-End Technik wird der CityExpress fast einmal um die Erde reisen, ohne sich jemals einen Zentimeter von der Stelle bewegt zu haben.

Wie die Landschaft laufen lernte

Fast fünf Jahre hat es von der ersten zündenden Idee, eine wöchentliche TV- Serie in einem fahrenden Zug spielen zu lassen, bis zum Sendestart von CityExpress im Februar 1999 gedauert. Und das ist einfach zu erklären: Erst heute ist es technisch möglich, in einem Fernsehstudio die Illusion eines fahrenden Zuges zu erzeugen. Die Zugszenen von CityExpress werden produktionstechnisch bedingt, wie bei anderen Serien auch, zum großen Teil im Studio produziert. Fünf Eisenbahnwaggons wurden hier aufgebaut. Sie haben insgesamt die Länge von anderthalb Fußballfeldern und sind auf einer Seite durchgehend "offen", ohne Wand und Fenster, so daß die Schauspieler/innen sich wie auf einer Bühne bewegen können.
Bei herkömmlichen Serien, bei denen die Spielhandlung in Räumen wie Wohnungen, Polizeiwachen, Kneipen o.ä. inszeniert wird, ist der Hintergrund einfach zu konstruieren, da dieser normalerweise statisch ist. Spielt eine Serie z.B. in einer Kneipe schaut der Zuschauer, wenn er aus dem Fenster blickt, auf eine Straße und die gegenüberliegende Häuserzeile. Ein Hintergrund, der einfach zu gestalten ist - ein großes Foto oder eine bemalte Wand reichen als Hintersetzer aus. Um den Eindruck der Dreidimensionalität zu schaffen, werden diese entsprechend weit hinten, oder auch in einem Halbkreis aufgestellt. Die Blickwinkel der drei Kameras im Studio sind mit denen des Zuschauers in einem Theater vergleichbar: Kamera 1 hat den Blickwinkel eines Theaterzuschauers, der ganz links in der ersten Reihe sitzt, Kamera 2 hat den Blick des Zuschauers, der in der Mitte sitzt, und Kamera 3 schaut genauso schräg auf die Bühne wie Kamera 1, nur von außen rechts. Jede Kamera sieht entsprechend einen anderen Bildausschnitt. Die perspektivische Einbeziehung des Hintergrundes ist hierbei also relativ einfach.
Bei CityExpress verändert sich der Hintergrund ständig. Die Landschaft, die durch die Zugfenster zu sehen ist, muß sich bewegen, um für den Zuschauer den Eindruck eines fahrenden Zuges zu erwecken. Hier reicht natürlich ein gemalter Hintergrund nicht aus. Bewegliche Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen, müssen als Hintergrund dienen, um die Illusion eines durch die Landschaft fahrenden Zuges zu schaffen.
Auch muß es möglich sein, die Hintergrundbilder ohne Verlust von Bildqualität perspektivisch an die Blickwinkel der Studiokameras anzupassen.

Cityexpress, Zug X mit Green Screen
CityExpress. Zug X mit Green Screen. Bild: WDR / C.v.Rotberg

Cityexpress, Green Screen
CityExpress. Links Aufnahme mit Green Screen. Rechts Aufnahme mit virtuell eingespieltem Hintergrund. Bild: WDR / C.v. Rotberg


Um einen naturgetreuen Hintergrund einspielen zu können, mußte die Landschaft gleichzeitig aus fünf Blickwinkeln gefilmt werden. Durch die zu einer Seite "offenen" Waggons muß die vorüberfliegende Landschaft in jeder Fahrtrichtung nur einmal zur Wiedergabe vorliegen.
Zuerst dachte das Team über fünf hochauflösende HDTV-Kameras nach, um eine exzellente Bildqualität zu sichern. Dies hätte eine Ausgabe von mehreren Mark bedeutet, für Kameras, die nur viermal pro Jahr ( um die verschiedenen Jahreszeiten einzufangen) zum Einsatz kommen. Eine fürs Fernsehen ketzerische Idee folgte: Wäre es möglich, mit fünf Mini-DV Camcorders (in jedem Fotofachgeschäft für ca. 4.000 Mark pro Stück erhältlich) die Landschaftsbilder aufzunehmen?
Die Tests brachten positive Ergebnisse und heute gibt es eine "fünfäugige" Mini-DV Kameraanlage, die in einem Panoramablick von fast 180° inzwischen mehrmals zuverlässig die vier Strecken "abgetastet" hat.
Ergebnis jeder Fahrt ist eine Menge winziger Mini-DV Kassetten mit ungefähr 120 Stunden Bildmaterial (vier Strecken à 6 Stunden, jeweils mit fünf laufenden Camcorders). Um diese Flut von digitaler Information zu bewältigen, wurde ein Hochleistungsrechner benötigt. Der Computer schafft es, die fünf Bildströme synchron zu halten und auf Abruf wiederzugeben. Auf Knopfdruck fährt der Computer auf Bilder, die zu der entsprechenden Szene passen, z.B. die Überquerung des Nord - Ostsee - Kanals, während der Schauspieler verträumt aus dem Zugfenster schaut.Der Schauspieler, der in der Studiodekoration sitzt, sieht aus dem Fenster naatürlich nicht den Nord - Ostsee - Kanal, sondern nur eine hellbeleuchtete, giftgrün bemalte Fläche, den sogenannten Green Screen. Genau dieser Green Screen macht es möglich, die Hintergrundbilder aus dem Rechner mit den Live - Bildern aus den Studiokameras so zu kombinieren, daß die Illusion eines fahrenden Zuges perfekt wird.
Hier kommt dann noch eine weitere digitale Anlage zum Einsatz. Die Ultimatte 8 Chromakeyer, der beim WDR eingesetzt wurde) Anlage analysiert jeden Blickpunkt aus der Studiokamera (immerhin 250.000 Bildpunkte 50mal pro Sekunde). Sobald diese Anlage einen giftgrünen Bildpunkt erkennt, wird dieser durch den entsprechenden Bildpunkt aus dem Hintergrundmaterial ersetzt. Da dieses Verfahren Punkt für Punkt stattfindet, ist es sogar möglich, das feinste Haar auf dem Kopf der Darsteller und die natürlichen Spiegelungen in den Fensterscheiben perfekt scharf gegen den zugespielten Hintergrund wiederzugeben.

Die Zuspielung von Hintergrundbildern aus einem Rechner statt von Videobändern ist keine ganz neue Kunst, jedoch mußte bisher auf jegliche Kamerabewegung verzichtet werden, da der eingespielte Hintergrund grundsätzlich zweidimensional ist, so daß er beim Schwenk der Kamera auf unnatürliche Art und Weise mitgeht. Um diesen Efekt zu vermeiden, ist es notwendig, den Bildausschnitt konstant zu halten.Das Ergebnis sind vollkommen statische Bilder.
Die Fernsehzuschauer würden solche Bilder aber als absolut langweilig empfinden, deshalb kam für CityExpress eine solche Einschränkung nicht in Frage. Als optimale Lösung ist hier eine revolutionäre Technik im täglichen Einsatz, das sogenannte Virtual - Reality - System (VR-System). Der Kameramann/frau im Studio hat bei der vorbeilaufenden Landschaft die Auswahl aus fünf Perspektiven. Es kann der Hintergrund ausgewählt werden, der am besten zum Standort der Kamera passt. Der Hintergrund, der durch die Fenster gesehen werden soll, erscheint da, wo im Studio der Green Screen zu sehen ist. Beim Schwenk der Kamera driftet die digital eingespielte Landschaft sanft in die Gegenrichtung ab, beim Heranfahren wächst sie im Verhältnis zum Kamerabild und wird größer. Bei Fokussierung auf eine Figurengruppe im Vordergrund, mit gleichzeitig gestochen scharfem Hintergrund - oder auf eine Einzelfigur in Nahaufnahme - wobei der Hintergrund nur unscharf erscheint - ist die zugespielte Landschaft entsprechend kontrollierbar.
Der Partner für diese technischen Erneuerungen wurde in Tel Aviv gefunden, und es ist gelungen, Hard- und Software - ursprünglich für Flugsimulatoren gedacht - erfolgreich auf die Bedürfnisse von CityExpress umzuprogrammieren.

Am Tag vor der ersten Studioproduktion haben Producer, Produktionsingenieur und viele andere schlecht geschlafen, aber einen Tag später war der Beweis erbracht: Die neue Technik funktioniert und ist nicht nur für CityExpress optimal nutzbar, sondern auch zukunftsweisend für die gesamte Branche.

Weitere Informationen:

Fernseh- und Kino-Technik, 53. Jahrgang, Nr. 1-2/1999, S.51 - 54 Virtuelle Bahnlandschaft beim CityExpress
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